35 Jahre danach: Als die Vermessung entschied, wo Ötzi gefunden wurde 18.09.2026 -Im September 1991 taute am Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen eine rund 5.300 Jahre alte Mumie aus dem Eis. Doch lag der Fundort in Österreich oder Italien? Die Antwort lieferte das BEV. 35 Jahre später erinnert sich der Vermesser Dipl.-Ing. Helmut Meissner an die Arbeiten in eisiger 3.200 m Höhe.
Es ist einer jener Funde, die Geschichte schreiben: Im September 1991 taucht im ewigen Eis der Ötztaler Alpen eine rund 5.300 Jahre alte Mumie auf. Schnell wird klar, dass der Fund nicht nur Archäologinnen und Archäologen beschäftigt. Denn eine entscheidende Frage ist zunächst ungeklärt: Auf welcher Seite der Staatsgrenze wurde der „Mann vom Hauslabjoch“ tatsächlich gefunden?
Um diese Frage zu beantworten, wird das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen – BEV hinzugezogen. Bei eisigen Temperaturen und schwierigen Wetterbedingungen machen sich Vermesser des BEV auf den Weg zur hoch gelegenen Fundstelle. Mit präzisen geodätischen Messungen sollen sie klären, wo die Fundstelle im Verhältnis zur österreichisch-italienischen Staatsgrenze liegt.
Das Ergebnis ist eindeutig und sorgt auch abseits der Fachwelt für Aufsehen: Ötzi wurde nicht in Österreich, sondern rund 92 Meter von der Grenzlinie entfernt auf italienischem Staatsgebiet gefunden. 35 Jahre später erinnert sich der mittlerweile pensionierte BEV-Vermesser Dipl.-Ing. Helmut Meissner an einen außergewöhnlichen Einsatz, an schwierige Messbedingungen und an einen Moment, in dem Vermessungsgeschichte und Zeitgeschichte unmittelbar aufeinandertrafen.
Vermessung schafft Klarheit
Die Fundstelle befindet sich am Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen. Nach der Bergung der Mumie wurde das BEV, genauer die Abteilung Staatsgrenzen, mit der geodätischen Bestimmung des Fundortes und seiner Lage zur Staatsgrenze beauftragt. Als Ausgangspunkt für die Messungen diente das Grenzzeichen b-35 auf rund 3.283 Metern Seehöhe. Zum Einsatz kamen ein Theodolit des Typs WILD T2 sowie ein Distanzmessgerät AGA 14. Der Abgleich der erhobenen Messwerte mit den Ergebnissen der Neuvermessung aus dem Jahr 1973 zeigte eine sehr gute Übereinstimmung. Das Ergebnis der Vermessung war klar: Die Fundstelle des „Mannes vom Hauslabjoch“ liegt rund 92 Meter von der Staatsgrenze entfernt auf italienischem Staatsgebiet. In diesem Abschnitt verläuft die Grenze geradlinig zwischen den Grenzzeichen b-35 und b-36.
Eine Frage des Völkerrechts
Der Fund löste eine völkerrechtliche Diskussion aus. Die österreichisch-italienische Staatsgrenze war im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye vom 10. September 1919 als Wasserscheide zwischen den Einzugsgebieten von Inn und Etsch definiert worden; der tatsächlich vermarkte Grenzverlauf folgte jedoch nicht überall dieser Wasserscheide. Damit stellte sich die Frage, welche Linie völkerrechtlich verbindlich sei. In einer interministeriellen Besprechung am 17. Dezember 1991 wurde festgestellt, dass die Grenzziehung am Hauslabjoch nach den Grundsätzen des Völkerrechts anzuerkennen ist. Unbestritten blieb dabei stets, dass der „Mann vom Hauslabjoch“ als „Homo tyrolensis“ kulturhistorisch dem Tiroler und zentraleuropäischen Raum zuzurechnen ist – während hingegen der Fundort selbst auf italienischem Staatsgebiet liegt.
Auf 3.000 Metern: „Es lag ein Knistern in der Luft“
35 Jahre später erzählt Dipl.-Ing. Helmut Meissner von den Arbeiten des BEV rund um die Vermessungsarbeiten zum Fundort des „Mannes von Similaun“.
Am Montag, den 30. September 1991, erhielt Dipl.-Ing. Manfred Neubauer, Mitarbeiter der Abteilung Staatsgrenze, vom Leiter der Gruppe Kataster den mündlichen Dienstauftrag an den Vermessungsarbeiten teilzunehmen. In Begleitung von Dipl.-Ing. Helmut Meissner, Sachbearbeiter der Abteilung Staatsgrenze für die Staatsgrenze Österreich-Italien, reiste er nach Imst, wo sie Dipl.-Ing. Georg Friedl, Außendienststellenleiter für Tirol und Vorarlberg der damaligen Triangulierungsabteilung, trafen und den Einsatz der Arbeitsgruppe des BEV besprachen.
Aufgrund der schlechten Wetterlage konnten sie erst am Mittwoch, den 2. Oktober, mit einem Hubschrauber des BMI zur Fundstelle auf den Similaun hinauffliegen. Oben angekommen war es windig und hatte etwa minus 8 Grad – nicht optimale Bedingungen. Rund um die markierte Fundstelle begannen die Vermessungsarbeiten, die sich als anstrengend gestalteten, da sich die 3 Grenzplatten im Bereich der Fundstelle in stark ansteigenden Höhen befinden. Nachdem die drei Punkte eingemessen waren, war den BEV Mitarbeitern schnell klar: die Fundstelle liegt nicht in Österreich. Nach und nach trafen immer mehr Leute an der Fundstelle ein, „es war eine spannende Stimmung zu spüren, es lag ein Knistern in der Luft,“ erinnert sich Meissner.
Unter den vielen Leuten war auch ein Carabinieri, der mitteilte, dass die italienischen Vermesser aufgrund der schlechten Wetterlage per Auto über den Brenner anreisen und daher erst am nächsten Tag ihre Vermessungsarbeiten aufnehmen könnten. Also flog die BEV-Delegation mit einem Hubschrauber des ORF mit der einbrechenden Dämmerung nach Abschluss der mehrstündigen Vermessungsarbeiten wieder ins Tal nach Vent. Dort trafen sie auf eine italienische Delegation mit dem Leiter der italienischen Grenzkommission, den damaligen Leiter des Istituto Geografico Militare Florenz. Nachdem für die italienische Delegation der Flug auf den Berg nicht möglich war, da der Hubschrauber des BMI nicht mehr genügend Sprit hatte und es schon zu dunkel war, setzen sich alle zusammen in einem Gasthaus zur Auswertung und Anfertigung einer Lageskizze zusammen.
Meissner erzählt von einem fast unheimlichen Moment: Genau in der Sekunde als die italienische Delegation durch die Vermessungsergebnisse der Mitarbeiter des BEV klar wurde, dass der Fundort in Italien liegt, wurde von Radio Tirol die Meldung darüber in die Gaststube übertragen. Unter den Gästen in dem Lokal machte auch langsam die Runde, dass an diesem Tisch die Vermesser des BEV sitzen, „worauf ein Einheimischer zu uns gekommen ist und halb scherzhaft und halb ernst gemeint hat, dass sie uns jetzt nicht mehr weglassen, wenn wir ihnen den Ötzi wegnehmen wollen“, erinnert sich Meissner.
Der historische Fund des „Mannes im Eis“, der wenig später unter dem Namen „Ötzi“ weltberühmt werden sollte – die Bezeichnung geht übrigens auf den Journalisten Niki Glattauer zurück –, ist auch 35 Jahre später untrennbar mit der Arbeit des BEV verbunden. Mit ihren präzisen Vermessungen leisteten die Mitarbeiter der Abteilung Staatsgrenzen einen entscheidenden Beitrag zur Klärung einer Frage, die unmittelbar nach dem Fund für Aufsehen sorgte: Auf welchem Staatsgebiet wurde Ötzi tatsächlich gefunden? Das Ergebnis war eindeutig – der Fundort liegt auf italienischem Staatsgebiet.