Historische Karte des Monats: Juni 01.06.2026 - Die ausgewählte Karte aus dem Archiv entführt in das Jahr 1877 und bietet einen Einblick in die politische Staatenwelt Europas.
Im Juni 2026 stellt das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen die Karte „Karte von Europa und dem Mittelländischen Meere“ im Maßstab 1:5 880 000 aus dem Jahr 1877 vor. Die Karte zeigt eine detailreiche Darstellung von Europa und den Mittelmeer-Anrainerstaaten.
Besonderheiten der Karte
Bei dieser Karte handelt es sich um eine Farblithographie, die in 16 Segmenten auf Leinen aufgezogen ist.
Die politische Staatenwelt von Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in einer gut gelungenen Farbauswahl dargestellt, die eine eindeutige Unterscheidbarkeit gewährleistet. Das dargestellte Gebiet erstreckt sich im Osten bis zum Uralgebirge, dem südlich davon gelegenen Aral See und dem Kaspischen See. Im äußersten Südosten sind der Persische Golf und als südlichster Punkt das Rote Meer ersichtlich.
- Die internationale Verwendbarkeit dieser Karte zeigen die 11 Maßstabsleisten, davon geben zwei unterschiedliche Seemeilen an.
- Der Verlauf der Eisenbahnen, dem damals wichtigsten Verkehrsmittel, ist dominanter dargestellt als die Hauptstraßen („Chaussée“).
- Die Städte sind mittels Punktsignaturen dargestellt, abhängig von den Einwohnerzahlen. Bei mehr als 50.000 Einwohnern ist die genaue Zahl beim jeweiligen Namen dazu geschrieben.
- Aus Platzgründen sind nur die bedeutendsten Gebirge beschriftet. Um dennoch die topographischen Gegebenheiten anschaulich wiederzugeben, wird die Schraffendarstellung verwendet.
- Als Nullmeridian dient der Meridian von Ferro (auf der Kanarischen Insel El Hierro), der 20 Grad östlich der Pariser Sternwarte liegt und von den meisten europäischen Staaten verwendet wird. Er wurde auf der Internationalen Meridiankonferenz 1884 durch den Nullmeridian von Greenwich abgelöst.
- Von neun Staaten sind „Dampfboot - Course“ (Routen) eingezeichnet, teilweise mit Angabe der Fahrtdauer in Stunden bzw. Tagen. Die wichtigsten Verbindungen sind zusätzlich farblich hervorgehoben. Da ein durchgezogenes Netz aller Verbindungen zu unübersichtlich wäre, sind viele nur kurz angedeutet, aber mit dem Namen des jeweiligen Zielhafens beschriftet.
Die Jahrzehnte lange Bedeutung und somit Verwendbarkeit dieser Karte lässt sich daran bemessen, dass es sich bei dieser Ausgabe um die bereits achte Auflage handelt.
Die Karte enthält fünf Einsatzkarten verschiedenster Thematiken:
- Im linken oberen Teil der Karte sind untereinander drei Einsatzkarten platziert. Die „Dichtigkeit der Bevölkerung Europas“ wird in unterschiedlichen Grautönen (je höher die Bevölkerungsdichte, desto dunkler) dargestellt und der berechnete Wert in der Karte eingetragen. In einer Tabelle sind die Staatennamen mit der Bevölkerungsdichte pro Quadratmeile, der gesamten Einwohnerzahl und der Fläche in Quadratmeilen je Staat aufgelistet.
- Die mittlere Einsatzkarte „Die Völker Europas“ zeigt die geographische Verteilung der neun Hauptvölker in verschiedenen Farben. In einer Tabelle sind diese weiter untergliedert mit absoluten Zahlenangaben. Diese beruhen auf Schätzungen.
- „Die Kirchlichen Verhältnisse Europas“ spiegeln das räumliche Vorkommen der fünf Hauptreligionen (Röm-Kath., Protest., Griech.-Kath., Mohammed., Juden) wider, visualisiert in klar unterscheidbaren Farben. Wie bei den anderen beiden Einsatzkarten sind die absoluten Zahlen der jeweiligen Religionszugehörigkeit nach Staaten unterteilt angegeben. Die Zahlenangaben beruhen auf Schätzungen.
- Eine weitere Einsatzkarte am oberen Kartenrand zeigt die Telegraphenlinien Europas, wobei bei den Telegraphen-Stationen sogar unterschieden wird, ob es sich um Tag- und Nachdienste handelt oder nur Tagesdienst.
- Unten rechts befindet sich seit der 7. Auflage eine Einsatzkarte, die den 1869 eröffneten Sues Kanal im Maßstab 1:1 000 000 darstellt. Diese Wasserstraße ist eine wichtige Handelsroute, die den Mittelmeerhafen Port Said mit Sues verbindet. Zwei unterschiedliche Längenmaße sind mittels graphischer Maßstabsleisten dargestellt.
Über den Autor
Friedrich von Stülpnagel (1786-1865) und Johann Christoph Bär (1789-1848) waren als Zeichner im Verlag Justus Perthes tätig. Sie arbeiteten gemeinsam jahrzehntelang an mehreren Auflagen des Stieler Hand-Atlas mit und verbesserten diesen entscheidend. Nach dem Tod des Verlagsgründers übernahmen die beiden gemeinsam mit Heinrich Berghaus die Herausgabe des Stieler Hand-Atlas.
August Petermann (1822-1878) zählt zu den bedeutendsten Kartographen und Geographen im 19. Jahrhundert. Von 1855 bis 2004 erschienen die von ihm begründeten Petermanns Geographische Mitteilungen (PGM), die wichtigste geographische Fachzeitschrift im deutschsprachigen Raum. Zusätzlich enthielt jede Ausgabe Kartenbeilagen. Zu seinen wichtigsten kartographischen Leistungen zählt die Mitarbeit am Stieler Hand-Atlas, wodurch er entscheidend zu dessen Weiterentwicklung beitrug. Aufgrund fehlender kartographischer Studienzweige an Hochschulen, etablierte er eine eigene dementsprechende Ausbildung. Im geographischen Namensgut ist der Name Petermann mehrfach verewigt, z.B. in Form von Gebirgszügen in der Antarktis und in Australien, sowie als Bergname auf Grönland. Außerdem gibt es einen gleichnamigen Mondkrater. In der Stadt Gotha befindet sich ein nach ihm benannter Weg.
Über den Verlag
Die Justus Perthes Verlagsbuchhandlung (LINK: https://www.perthes.de/verlagsgeschichte/ ) wurde 1785 in Gotha gegründet. 1816 wurde die erste Auflage des Stieler Hand-Atlas („Handatlas über alle Theile der Erde“) herausgegeben, jenes Kartenwerk, auf welches das internationale kartographische Ansehen des Verlages zurückzuführen ist. Ein weiteres bedeutendes verlegtes Kartenwerk war Berghaus’ Physikalischer Atlas, herausgegeben ab 1837. In seiner Gründungsstadt Gotha befindet sich die nach dem Verlag benannte Justus-Perthes-Straße.
Titel: Karte von Europa und dem Mittelländischen Meere
Herausgeber: Justus Perthes
Autor: Friedrich von Stüpnagel, Johann Christoph Bär, August Petermann
Maßstab: 1:5 880 000
Veröffentlichung: 1877
Format: 1076 x 877 mm
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