Historische Karte des Monats: Mai 01.05.2026 - Die ausgewählte Karte aus dem Archiv entführt in das Jahr 1887 und bietet einen Einblick in die geographische und administrative Struktur des Königreichs Böhmen am Ende des 19. Jahrhunderts.
Im Mai stellt das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen die Karte „Handkarte des Königreichs Böhmen“ im Maßstab 1:1 000 000 aus dem Jahr 1887 vor. Die Karte trägt den Eingangsstempel des k.k. Militärgeographischen Instituts vom 29. September 1887 und wurde als Schulkarte vom k.k. Schulbücher-Verlag in Prag vertrieben. Anlass für die Auswahl ist der Jahrestag des Prager Aufstands am 5. Mai 1945 — ein Ereignis, das die Geschichte des auf der Karte dargestellten Gebiets einschneidend veränderte.
Besonderheiten der Karte
Die farbig lithographierte Handkarte zeigt das gesamte Königreich Böhmen im Überblick. Besonders auffällig ist die plastische Geländedarstellung: Die Höhenstufen sind durch eine sogenannte Tonskala farblich differenziert — von grünen Niederungen über hellere Hügeltöne bis hin zu braun-orangen Gebirgsregionen. Die markanten Gebirgszüge, die Böhmen wie ein natürlicher Rahmen umschließen — Böhmerwald im Südwesten, Erzgebirge im Nordwesten, Riesengebirge im Nordosten — treten dadurch deutlich hervor. Die Flusssysteme der Moldau und der Elbe durchziehen als blaue Linien das Kartenbild und bilden die zentralen Entwässerungsachsen des Landes ab.
Das Eisenbahnnetz ist als rotes Liniennetz klar erkennbar und spiegelt den Ausbaustand der Infrastruktur im späten 19. Jahrhundert wider. Die benachbarten Königreiche sind namentlich eingetragen und in der Darstellung angedeutet.
Die zum größten Teil deutschen Ortsnamen reflektieren das Deutsche als Verwaltungssprache der Monarchie. Ortsnamen in tschechischer Sprache sind in der Minderheit.
In der linken oberen Ecke befindet sich die Titelkartusche, geschmückt mit dem silbernen Löwen des Königreiches Böhmen und im Hintergrund mit dem habsburgischen Doppeladler als Hoheitszeichen des Kaisertums Österreich. Die Legende, unten links platziert, erläutert die verwendeten Signaturen für Städte, Orte und Verkehrswege. Die Maßstabsangabe erfolgt in numerischer Form als auch mittels einer graphischen Maßstabsleiste mit Angabe in Kilometer. In der rechten unteren Ecke findet sich ein Detailplan der Stadt Prag in 16-fach vergrößertem Maßstab der Hauptkarte — ein Hinweis auf die besondere Bedeutung der böhmischen Landeshauptstadt. Eingezeichnet sind auch die damals üblichen Pferdebahnen als öffentliches Verkehrsmittel. Das Gradnetz zeigt eine Besonderheit, denn es enthält die beiden Nullmeridiane von Greenwich und Ferro. Im 19. Jahrhundert gab es mehrere Nullmeridiane in Europa. Auf der Internationalen Meridiankonferenz 1884 wurde Greenwich für den internationalen Gebrauch festgelegt.
Der Vermerk am unteren Kartenrand weist die Karte als für den Gebrauch an Mittelschulen, Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten sowie Volks- und Bürgerschulen zugelassen aus. In der rechten oberen Ecke trägt die Karte den Eingangsstempel des k.k. Militärgeographischen Instituts mit dem Datum 29. September 1887. Der Preis betrug 60 Kreuzer (entsprechen heute ca. 8-10 Euro, inflationsbereinigt).
Historischer Kontext
Das Königreich Böhmen mit seiner Hauptstadt Prag war seit 1526 unter habsburgischer Herrschaft und ab 1867 Kronland der österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Zur Entstehungszeit der Karte um 1887 war es das industriell am weitesten entwickelte Kronland der Monarchie, zugleich aber Schauplatz wachsender nationaler Spannungen zwischen tschechischer Mehrheit und deutschsprachiger Minderheit.
Warum zeigen wir diese Karte genau im Mai?
Am 5. Mai 1945 gab der Prager Rundfunk das Signal zum Aufstand gegen die deutsche Besatzung. Drei Tage lang griffen gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger — Studierende, Arbeiterinnen und Arbeiter, Polizisten und Mitglieder des Widerstands — zu den Waffen. Die verzögerte Befreiung und die stetig steigende Zahl an Toten und Verletzten zwang die Aufständischen schließlich zu Verhandlungen mit der Wehrmacht. Am 9. Mai zog die Rote Armee in die befreite Stadt ein.
Über den Autor und Herausgeber
Die Karte wurde von Dr. Karl Schober entworfen. Schober (geboren 1844 in Chudenice/Tschechien, gestorben 1933 in Brno/Tschechien) war Schulmann, Historiker und Geograph. Nach Stationen im Schuldienst — unter anderem als Direktor des Obergymnasiums in Wiener Neustadt und der Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien — wurde er Landesschulinspektor in Mähren.
Ab 1886 entwarf Schober Schulwandkarten und ab 1887 Handkarten der österreichisch-ungarischen Monarchie und ihrer Kronländer — darunter Böhmen, Mähren-Schlesien, Niederösterreich, Oberösterreich-Salzburg, Steiermark und Tirol-Vorarlberg —, die vom Militärgeographischen Institut herausgegeben wurden. Die vorliegende Handkarte ist eine Verkleinerung der Schulwandkarte im Maßstab 1:200 000. Schobers Landkarten standen jahrzehntelang im schulischen Gebrauch.
Titel: Handkarte des Königreiches Böhmen
Herausgeber: k. k. Militärgeographisches Institut
Autor: Dr. Karl Schober
Maßstab: 1:1 000 000
Veröffentlichung: 1887
Format: 446 x 366 mm
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